Nachhaltig anziehen – ein Bummel über die Öko-Mode-Messe Innatex

Messeschild mit Aufschrift
Beim Bummeln geknipst.

In den 80ern und 90ern wurde ich vom Mainstream belächelt, wenn ich Öko-Mode trug. Heute heißt die Öko-Mode Greenfashion und ist hip. Aus der handvoll Öko-Textil-Pioniere der 70er und 80er erwuchs eine unüberschaubare Anzahl von Greenfashion Brands.

Rund 300 dieser Brands waren am vergangenen Wochenende auf der Natur-Textil-Fachmesse Innatex im Taunus, dem halbjährlichen Branchentreff der Szene. Offiziell: Fachmesse für nachhaltige Textilien. Ich habe mit einigen Ausstellern gesprochen, um mir ein paar aktuelle Einblicke zu verschaffen.

Eine Schale mit Handcreme und Seife
Wenn auf der Messe-Toilette dieselben Produkte stehen, wie im heimischen Bad, dann ist gerade Innatex.

Politischer Anspruch versus modische Wirklichkeit

Einen echten Überblick habe ich an einem einzelnen Messetag nicht gewonnen. Zu groß ist das Geschäft mit dem Bedürfnis nach dem guten Gewissen.

Ebenso groß, wie die Anzahl der Marken, die den ursprünglichen „Reinheitsgedanken“ der Öko-Pioniere erweitert haben.

War in der Anfangszeit der Öko-Mode alles, was nicht aus der Natur kam und politisch korrekt produziert wurde, verpönt, gibt es heute Label, die Kompromisse machen. Sie ergänzen Naturmaterialien durch chemische Fertigungen, achten dabei aber auf umweltfreundliche, zertifizierte Standards. Oder sie setzen ganz und gar auf Upcycling.

Manche produzieren gar in Ländern, die es mit den Menschenrechten nicht so genau nehmen. Sorgen aber gleichzeitig vorbildlich für die eigenen Mitarbeiter oder arbeiten gar mit lokalen Sozialprojekte.

Die Ansprüche der Kunden wachsen und manches ist in öko gar nicht möglich.

Farbige Schals.
Schals von Maheela.

Färbung und Farbe sind bei Öko-Mode ein Problem

Als Besitzerin eines fast schon durchsichtigen Schneewittchenteints ist mein eigener Kritikpunkt an Öko-Mode, von Anfang an, die Farbe. Naturfarben sind als Kontrast zu meiner hellen Haut oft entweder zu dunkel oder zu trüb.

Ich pirschte also über die Messe, erkundete die Neuheiten und schaute überall zuerst nach den Farben.

Meine Wunsch nach Naturfarben, die ich gut tragen kann, wurde auch 2017 nicht ausreichend zufrieden gestellt. Und ich stolperte darüber, dass die sogenannten „jungen Labels“ Frauenkleider oft nur noch bis Größe 42 produzieren. Obwohl Plus-Size-Mode heute ein Riesenthema ist.

Da waren die Öko-Pioniere schon weiter. Sie boten Kleider meist bis Größe 48 an. Die Durchschnittsfrau trägt in Europa 44/46.

Gleichzeitig war ich schier überwältigt von den vielen neuen Materialien, die in der Öko-Mode-Welt Einzug gehalten haben.

Zart orangefarbene PET-Flaschen.
Die Aufschrift spricht für sich selbst.

Upcycling für eine neue Kunden-Generation

„Upcycling ist seit ungefähr fünf Jahren ein Riesenthema,“ erklärt Nadja Antichi. Die Modedesignerin hat sich auf Unterwäsche spezialisiert.

Eine neue Kunden-Generation akzeptiert Materialien, auf die die Öko-Pioniere keinen Blick geworfen hätten. Und so haben die heutigen Designer deutlich mehr Spielraum als ihre Vorgänger.

Bei antichi underwear werden PET-Flaschen zu Spitzen-BHs. Die BHs fühlen sich sehr gut an und sehen sehr gut aus. Leider ist nach oben bei Größe 85C Schluss.

„Ich musste aus Kostengründen erstmal klein anfangen,“ meint Nadja Antichi. Das „klein“ bezieht sie auf die Größe des Angebots. „Wenn es entsprechend gut läuft, werde ich natürlich erweitern.“

Die linke Seite eines Spitzen-BH.
Nadja Antichi zeigt ihren Upcycling-BH.

Weitere Beispiele für Upcycling habe ich vor allem bei den Accessoirs gefunden.

Das Unternehmen Recyclebar vertreibt Körbe, Taschen und Etuis aus Kambodscha. In Kleinst-Sozial-Projekten verwandeln dort Frauen Reste aus der Moskitonetzproduktion, alte Mopedsitzbezüge und Plastiktüten zu Designobjekten.

Magadi macht Yogamode aus recyceltem Polyester. Die Sachen sehen spektakulär aus und sind aufwendig verarbeitet. Sie haben einen hohen Bund, damit man bei Rückbeugen nicht plötzlich halb im Freien steht. Und ins Material eingearbeitete Ausbuchtungen am Po sorgen dafür, daß die Hose wirklich perfekt sitzt.

Das Polyestergefühl auf der Haut verursachte mir bei der Berührung allerdings Gänsehaut. Doch die Geschmäcker sind verschieden. Eine Bekannte von mir hat sich gleich nach der Messe eins der Yoga-Outfits angeschafft.

Ich bin vermutlich so sehr an das Tragegefühl von Naturmaterialien gewöhnt, dass ich da einfach nicht mehr weg komme. Und das ist auch gar nicht nötig. Denn die vier Klassiker Wolle, Baumwolle, Leinen und Seide haben mittlerweile Gesellschaft. Sie werden durch weitere Tier- und Pflanzenfasern ergänzt.

Zwei T-Shirts.
Wood-Shirts von Wijld

Mode aus neu entwickelte Naturmaterialien

Das Start up Wijld aus Wuppertal fertigt Wood-Shirts aus Zellulose, also T-Shirts aus Bäumen. Das Material fühlt sich fast an wie Samt. Leider endet die Damenkollektion schon bei Größe XL.

Allerdings sagten mir auch die Wijlds, bei entsprechender Nachfrage produzieren sie ihre Shirts gerne auch größer.

Designerin Marianne Birkenfeld von pos-sei-mo mischt in ihrer Strickwaren-Kollektion Merino mit Possum. Das Material kommt aus Neuseeland, es ist nur dort erhältlich. Die Produktion ist in Deutschland. Hier sei das KnowHow der Strickmeister höher, sagt die Designerin.

Ihre Strickwaren fühlen sich an wie feinstes Kaschmir. Die Farben sind für meinen Geschmack zu dunkel. Das einzig Helle im Sortiment sind Golfhandschuhe aus Possum-Leder und dafür habe ich keine Verwendung.

3 Sneaker
Hanf-Schuhe von Bohempia.

Schicke Öko-Schuhe

Das Start up Bohempia aus Prag macht Slipper und Sneaker aus Hanf mit orthopädischem Fußbett aus Kautschuk. Die Schuhe sehen super aus, sind bequem und kosten nicht mehr als vergleichbare Nicht-Öko-Marken.

Ein ganzes Stück teurer als Bohempia-Schuhe sind die Schuhe von Woody. Das Unternehmen aus Kärnten existiert schon seit 1922. Ursprünglich fertigte es neben Holzschuhen auch Holzrechen, Heugabeln und Sensenstiele.

Alle Schuhe, von der Sandale bis zum gefütterten Winterstiefel, haben seit den 90ern eine Sohle aus biegsamem Weidenholz. Es gibt sie von Öko-Style bis richtig chic.

Firmenchef Gerhard Piroutz schob meinen müden Messefüßen am späten Nachmittag probeweise ein Paar Sandalen zum Testgehen unter. Sie waren so bequem, dass ich sie gar nicht mehr ausziehen wollte.

Nun warte ich auf den Woody-Winter-Sale, denn ich habe ein Paar sehr schöne Stiefel entdeckt, die für mein Budget ein klein wenig zu hochpreisig sind. (Sie sind ihren Preis sicher wert. Gute Öko-Schuhe machen, wenn man sie gut pflegt, zehn Jahre und länger Freude. Da spreche ich aus Erfahrung.)

Weisses Cape am Kleiderständer.
Funktions-Cape von LangerChen

Moderne Funktionsjacken

LangerChen entwickelt und verkauft Jacken, Parkas und Mäntel, mit denen man auch mal durch Regen laufen kann, ohne bis auf die Haut nass zu werden. Das bayerische Unternehmen arbeitet so weit wie möglich mit Rohstoffen wie Biobaumwolle und recyceltem Polyester.

Die Sachen sehen super aus und fühlen sich gut an. Vorbei die Zeiten in denen Öko-Funktions-Jacken bestenfalls an ein Stück von Barbour erinnerten. (Barbour hat natürlich Klasse aber wer will im Großstadt-Alltag schon aussehen, wie die Queen beim Landausflug?)

Ein Haken sind die Größen. Denn auch LangerChen bietet viele Modelle nur bis Größe M oder L an. Doch die Sachen großzügig geschnitten. Ich passte in ein Cape Größe XS und konnte es sogar schließen. Das ist eigentlich ein kleines Wunder.

Die Farbauswahl der Modelle ist umfangreich. Jeder kann etwas Passendes finden.

Aber: LangerChen produziert in China, einem Land das es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt. Eingefleischte Ökos wird das sicher eher vom Kauf der Waren abschrecken.

 

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