Sibel Güler, Gesundheitswissenschaftlerin, Politikmanagerin, Stadtverordnete

Porträt von Sibel Güler.

Die Stadtverordnete Sibel Güler habe ich über Twitter kennengelernt. Und später bei einer Veranstaltung im Hessischen Landtag erstmals persönlich getroffen.

Wir haben schnell herausgefunden, dass wir seit vielen Jahren im selben Viertel wohnen. Einige Jahre haben wir sogar, ohne voneinander zu wissen, in Nachbarhäusern gelebt. Heute beträgt der Abstand zwischen unseren Wohnungen, laut Google Maps, 130 Meter oder eine Gehminute.

Sibel gilt als der „Sonnenschein“ im Wiesbadener Rathaus. Schaut Euch einfach nur das Foto über diesem Text an, dann versteht ihr das.

Bei der Kommunalwahl am 6. März tritt Sibel als Kandidatin für die SPD an. Gleichzeitig für den Ortsbeirat Mitte und das Stadtparlament. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die Gesundheitspoltik.

Die Verbreitung des Gesundheitsgedankens, der 1986 in der „internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung“ in Ottawa formuliert wurde, liegt ihr besonders am Herzen. Sibel wünscht sich, dass sich die Prinzipien der Ottawa-Charta auch in Wiesbaden durchsetzen.

Einwanderung, Ausbildung und Beruf

Sibel kam als Zweijährige aus Anatolien. Sie hat Abitur an der Oranienschule und eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) gemacht. Neben der Arbeit im Rettungswagen hat sie Ersthelfer und Sanitäter ausgebildet.

Nach der Geburt ihrer Tochter hat Sibel Gesundheitswissenschaften studiert und sich bei der Heinrich-Böll-Stiftung zur Politikmanagerin weitergebildet. Heute berät sie Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen in Fragen zu Gesundheit und interkultureller Kompetenz.

Im Rahmen eines EU-Twinnig-Projekts der Hessischen Polizei mit der Polizei Ankara, hat Sibel zum Beispiel die Hessen für den Türkei-Aufenthalt geschult. Auf dem Stundenplan standen Themen wie türkische (Polizei-) Geschichte, Kultur, Protokoll und Kommunikation.

Gesundheitspolitik für Wiesbaden

Sibels wichtigstes gesundheitspolitisches Anliegen ist klar formuliert: „Gesundheit darf nicht vom Portemonnaie abhängig sein. Im Mittelpunkt unseres Gesundheitssystem muss der Mensch stehen. Und alle müssen, unabhängig vom Einkommen, Zugang zu den bestmöglichen Behandlungsmethoden haben. “

Sibel wünscht sich eine informierende und begleitende Versorgung. Der Patient soll nicht allein vom Wissen des Behandlers abhängig sein. „Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Wiesbaden Teil des „Gesunde Städte-Netzwerks“ wird,“ sagt Sibel. „An der Umsetzung dieser Idee arbeite ich mit, seit ich im Stadtparlament bin.“

Das Gesunde Städte-Netzwerk

Das „Gesunde Städte-Netzwerk“ stützt sich auf den Gesundheitsgedanken der Ottawa-Charta. Städte sollen sich als ein System begreifen, das Lernen und Wissen rund um die Gesundheit erschafft. Öffentliche Einrichtungen sind ebenso Teil des Netzwerks, wie einzelne Gesundheitsprofis, Patienten und Angehörige.

„Idealerweise steht der Präventionsgedanke im Vordergrund. Die Menschen sollen gar nicht erst krank werden,“ erklärt Sibel. Eine echte Herausforderung in einem Gesundheitssystem, das meist erst dann greift, wenn Menschen einen nachweisbaren Zustand von Krankheit erreicht haben.

„Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit nicht als die Abwesenheit von Krankheit. Der Gesundheitsgedanke der WHO umfasst den ganzen Menschen. Es geht nicht nur um die körperliche und seelische Befindlichkeit, sondern auch um das soziale Umfeld. Es ist wichtig, dass dieser Gedanke in die Gesellschaft hinein getragen wird!“ Denn wenn das soziale System versagt, wird der Mensch krank.

Die Naturwissenschaftliche Medizin: ein Gesundheitssystem in den Kinderschuhen

„In den östlichen Heilmethoden, wie der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und dem Ayurveda, wird der Mensch schon immer als ein ganzheitliches Wesen betrachtet, das in eine Gesellschaft eingebunden ist. Die Ärzte schauen nicht nur kurzzeitig auf eine gesundheitliche Störung, sondern begleiten den Patienten über einen langen Zeitraum.“ Und sie schauen genau hin.

TCM- und Ayurvedaärzte beraten die Menschen in allen Fragen der Lebensführung. Sie kümmern sich um eine dem Patienten angemessene Ernährung. Sinnvolle Bewegung und Sport. Spirituelle Praktiken, wie Gebet und Meditation. Und sie empfehlen eine angemessene Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben.

Sibel vermutet, dass sich die Unterschiede von östlichem und westlichem Gesundheitssystem auf Alter und Entwicklung der Systeme zurück führen lassen.

„Im Osten ist die traditionelle Medizin eine eigenständige, jahrtausendealte Wissenschaft. Sie nutzt das Wissen und die Erfahrung vieler Generationen. In Europa entwickelt sich die moderne Medizin seit dem 17. Jahrhundert hauptsächlich aus den Naturwissenschaften heraus.“

Psychoanalyse und Psychotherapie entwickelten sich erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die Auswirkung von Meditation auf Gehirn und Gesundheit, erforscht man erst seit wenigen Jahren.

Der Einfluss von Musik, Tanz und Malerei auf das Wohlbefinden wurde bei uns noch gar nicht umfassend untersucht. Gleichzeitig gibt es Musik-, Tanz- und Maltherapie für Selbstzahler.

Immerhin weiß man, dass sich ein fürsorgliches soziales Umfeld und eine gesunde Umwelt positiv auf Krankheitsverläufe und Heilung auswirken.

Die naturwissenschaftliche Medizin steckt sozusagen noch in den Kinderschuhen. Da gibt es noch viel zu entdecken und zu entwickeln. Nicht nur für Sibel, die jetzt erst einmal hofft, dass das Stadtparlament dem Beitritt zum „Gesunde Städte-Netzwerk“ zustimmt. Einen entsprechenden Magistratsbeschluss gibt es schon.

Eine Brücke zwischen den Kulturen

Wir sind schon dabei, das Café Paris in der Moritzstraße zu verlassen, da finden wir noch ein neues Thema.

„Ich sehe meine persönliche Aufgabe auch in der Gesundheitsversorgung als Brücke zwischen den Kulturen,“ sagt Sibel. „Der Umgang mit Leid, Schmerz, Körperwahrnehmung und Symptomen ist in verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Es ist wichtig, dass dafür ein Bewusstsein entsteht.

In der Türkei kann Krankheit zum Beispiel als Strafe wahrgenommen werden. Das heißt, Krankheit und Arztbesuch werden verheimlicht, damit man nicht gebrandmarkt wird.

Das ist besonders schwierig bei Leiden, die sich bedingt durch die demografische Entwicklung,  jetzt erst ausbreiten. Und noch unbekannt sind. Wie zum Beispiel Alzheimer und Demenz.

Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Gleichermaßen in der Versorgung und Behandlung von Kranken, wie in der Unterstützung von Angehörigen.  Denn der Therapieansatz im Herkunftsland kann ein völlig anderer sein.“

Sibel trägt diese Botschaft nicht nur in die Politik. Sie sorgt auch im Vorstand der Arbeiterwohlfahrt (AWO) dafür, dass das Wissen und die Wahrnehmung für die kulturellen Unterschiede wachsen. Im Aufsichtsrat der Werkgemeinschaft Rehabilitation Wiesbaden (WHW) kümmert sie sich um die Versorgung und Integration von psychisch kranken Menschen.

Dieser Text wurde bereits in meinem Blog Café Clia veröffentlicht.

 

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